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Artikel von Dr. Andreas Vogt an die AZ vom 9.Nov. 2004

Zum Namen der Naukluft

Ich beziehe mich zu den Ausführungen hinsichtlich des Namens der Naukluft (AZ/2.November 2004, S.11/Tuschmann).

Die dort angeführten Quellen sind im Grunde nicht oder nur bedingt maßgeblich:

(1) Naukluft-Farmer: “Enge Schlucht”, berufen sich auf Memoiren Von Estorff’s.

(2) James Alexander: “Büllsport/Bull’s mouth” hat ja nichts mit der Naukluft zu tun, sowenig wie z.B. Berlin mit München, oder Warmbad mit Katima Mulilo.

(3) F.J. von Bülow: “Wusste niemand etwas anzugeben”.?. Warum dann erwähnt?

(4) Koloniallexikon 1920/Dove: “ungemein wilder Bergstock. Na, und?

(5) Geologieprofessor Hans Cloos 1936: Nauw kloof / enge Kluft. Hm.

(6) Geologen Korn und Martin: Kein Kommentar. Warum dann erwähnt?

(7) Geologisches Wörterbuch: Kloof lässt sich nicht mit Kluft übersetzten. Stimmt.

(8) Geologensprache: Kluft nicht gleich Schlucht. Stimmt ebenfalls. Geologen definieren halt anders als in der Umgangsprache. Geo-logisch, sozusagen, nicht philologisch.

(9) Braunschweiger Wissenschaftler 2004: Verließen sich auf im Volksmund bekannte Interpretation, bedeutet “enge Schlucht”. Warum auch nicht?

Ja, was nun? Warum heißt die Naukluft Naukluft?

Zum Verständnis der Ortsnamen im Süden Namibias muss man Folgendes wissen:

1652: Beginn der holländischen Kolonisierung des Kaps.

1796/1806 beginn der englischen Kolonisierung des Kaps

Um 1800: “Oorlamstämme” wandern ins Groß-Namaland ein, unter anderem die Witboois und kolonisieren so ein bisschen auf ihre Art. Sie sprechen ein Nama-Holländisch-Mix, ein Proto-Afrikaans, ein Küchen-Holländisch, wie immer man das Kauderwelsch nennen will, womit sie sich verständigten. Hier und da wird einer ein bisschen Englisch gesprochen haben. Man spricht mehrere Sprachen halb oder noch weniger. (Wie heute auch noch). Dieses “Holländisch” ist die allgemeine Umgangssprache im Groß-Namaland/Damaraland (heute Namibia, exklusive der Gebiete nördlich der Etoscha (Ovamboland), Kavango(land) und Caprivi (Zipfel - gab es damals noch nicht).
Namen wie Warmbad, Brukkaros, Windhoek, Büllsport usw. stammen aus dieser Zeit.

Um 1875 wandern die Rehobother Baster ein, die auch Holländisch-Afrikaans sprechen, schon bisschen perfekter als die Oorlams. Sie kaufen das Land von den Swartboois, die bereits früher einwanderten.
Ihre Nachbarn sind die Witboois, die um Gibeon, um die Naukluft, im Khomas-Hochland bis nach Windhoek hin wohnen. Witbooi ist der große Held in der Zeit (1880-1894) und führt eine Korrespondenz in Holländisch, die erhalten ist.

Zu dem Zeitpunkt befinden sich Missionare, Händler, Jäger, Forschungsreisende, Emissäre im Lande. Ziemlich international sozusagen. Alle (müssen sich) verständigen mit Holländisch-Afrikaans, sozusagen als lingua franca, da sonst keiner den anderen versteht.

1884 wandern die modernen Deutschen ein und kolonisieren ihrerseits auch ein bisschen. Sie treffen die folgenden Sprachgruppen an (grob): Im Süden Namas, die Nama sprechen, und Oorlams und Baster, die Nama und Holländisch/Afrikaans sprechen, im Zentrum die Hereros (die Herero sprechen) und Damaras (z.B bei Okombahe, die auch Nama sprechen). Im Norden Ovambos usw. usf..

Die neuen Deutschen wandern ab 1884 vornehmlich im Süden (Lüderitz/Bethanien) und im Zentrum ein Sandwich Harbour / Walfischbucht / Swakopmund / Otjimbingwe/ Omaruru ein, wo z.T. schon früher die Missionare operierten. Den Kontakt mit den Einheimischen machen sie durch Missionare, Frachtfahrer (Buren und Baster), Händler, Handwerker, Waschweiber (Damaras), Bambusen (Hereros) usw. Mit diesen sprechen sie Platt / Holländisch / Afrikaans / Deutsch, gewürzt mit ein paar Worten Herero usw. (Sicher einer der Vorfahren von Nämlisch).

Sie übernehmen nun, weil das schick ist und sie zu “alten Afrikanern” macht, ein paar von diesen holländische Wörter und deutschen diese ein. Viele neue Deutsche nach 1990 glauben auch, alte Afrikaner zu sein, wenn sie Pad und Rivier sagen. Das jobt aber nicht so. Wir werden jetzt nicht darauf eingehen, warum nicht.

Aus dieser Zeit stammen unsere schönsten südwesterdeutschen Worte wie Pad, Werft, Beester, moi. Andere sind entlehnt aus dem englischen (Rivier), aus Herero (kurama, hakahana). Uns interessieren hier die holländisch/afrikaansen Lehn- bzw. Rücklehnwörter.

Das Wort Naukluft setzt sich nun aus zwei Wörtern zusammen:

(1) “Naauw” (holländisch für eng), Afrikaans ”nou”, deutsch “eng”.

“nou” b.nw. en bw.1. Nie wyd, nie, smal, eng. Die broek is glad te nou. ‘n Nou straatjie.

Vgl. ebenfalls “Naauwpoort” (enge Pforte)

Verdeutscht wird daraus “Nau”, das “Nau” in der Naukluft.

(2) “Kloof” (holländisch für Schlucht), Afrikaans “kloof”, zu deutsch “Schlucht”.

“Kloof: s.nw: 1. Groot spleet, bars, skeur: Barste en klowe in ‘n muur. (Risse in einer Mauer). 2. Min of meer steil, soms smal, maar gewoonlik wye, lang opening tussen berge, rante en bulte. Daar kom ‘n spruit uit die kloof. Ongediertes hou graag in klowe. In ‘n kloof verdwaal. ‘n Beboste kloof. (Es rinnt ein Bach aus der Schlucht. Wilde Tiere halten sich gerne in einer Schlucht auf. Sich in einer Schlucht verirren. Eine bewachsene Schlucht).

Vgl. Ebenfalls “opkloof” (dt. “spalten”) ww. Deur te kloof in stukke breek: Hout opkloof (Holz spalten).

Nun wird das Wort kloof ebenfalls eingedeutscht und es wird daraus “Kluft”. Hier entsteht die Verwirrung, da eine Kluft ein(e) durch tektonischen Zug oder Druck oder Erstarrung magmatischer Gesteine entstanden Gesteinsriss oder –fuge ist, Klüfte verlaufen meist in bestimmten Richtungen (”Kluftsysteme”), vgl. ebenfalls “Klufthöhle” und “Kluftkarren’ (geol. Begriffe).

Eine Schlucht dagegen ist eine tiefe, schroffe, unzugängliche Öffnung zwischen zwei Bergen.

Da beide ähnliche Geländeformen darstellen, die nur der Fachmann auseinander halten kann oder möchte, oder die einen engen Begriffe nur im geologischen/ geographischen / topologischen Zusammenhang haben, wird diese Verwirrung von denen in Kauf genommen worden sein, die dieses Wort verwendeten; zuerst die Namas / Oorlams / Witboois (“Naauwkloof”, “Noukloof”, danach die Deutschen, “Naukluft”. Auf jeden Fall werden alle gewusst haben, welche Geländeform damit gemeint war. So entstand der Name der Naukluft, der später weiter entwickelt und/oder weiter verbogen wurde. Leutwein schreibt in seinen Briefen an Hendrik Witbooi vor der Schlacht in der Naukluft 1894 z.B. „Naukluft“, sowie“Naauklof”, ein Wort, unter dem sich sicher keiner etwas vorstellen kann, der nicht mit der Sprachentwicklung des Südens vertraut ist.

Hat jemand noch Fragen warum die Naukluft Naukluft heisst?

Zu dieser Frage verwendete Literatur:

Lau, B. [Ed.]; Heywood, A. & Maasdorp, E. [Transl]. 1995. The Hendrik Witbooi Papers. Archeia 13 2nd revised ed. National Archives, Windhoek,
Leutwein, T. 1906. Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwest-Afrika. ES Mittler & Sohn, Berlin.
Meyers grosses Handlexikon. 1980. Bibliographisches Institut Mannheim/Wien/Zürich. 13. Auflage.
Nöckler, H.C. 1963: Sprachmischung in Südwestafrika. Hueber, München.
Odendaal, F.F., Swanepoel, C.J., Du Toit, & Booysen, S.J. 1985. HAT Verklarende handwoordeboek van die Afrikaanse Taal. Tweede uitgawe, vyfde druk. Perskor, Johannesburg.
Stals, E.L.P., Ponelis, F.A. 2001: So het Afrikaans na Namibië gekom. Gamsberg Macmillan Windhoek.
Witbooi, H. 1929. Die Dagboek van Hendrik Witbooi; Kaptein van die Witbooi-Hottentotte. Van Riebeeck Society, Cape Town.

 

 
   
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